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Weihnachtsgeschichte.
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Der Engel
Dort,
wo im Sommer noch die Kinder im lauen Sommerwind dem ausgelassenen
Badespaß freien Lauf ließen. Wo Segelboote mit buntgeblähten
Segeln, mit ihren Kielen die glitzernde Wasseroberfläche durchschnitten,
Kinderlachen wie eine fröhlich leichte Sommermusik weit hinaus übers
Ufer klang. Wo noch braungebrannte Körper, sich unter Sonnenschirmen und
auf Luftmatratzen, dem nach Sonnenmilch und Grillgut riechendem Luftbad
tummelten. Ruht nun der See - Eisig, starr, verlassen -
Das laute, buntheitere Sommertreiben, musste der weißen kalten
Winterstille weichen. Und doch . . . so ganz findet die Einsamkeit keinen
Einzug. Mit dicker roter Pudelmütze und ihrem hellblauen
Lieblingsschal, hat sich Lienchen aufgemacht, ihre Freundin Melanie zu
besuchen. Melanie wohnt drüben auf der anderen Seite des Sees. Lienchen
stapft mit ihren dicken Winterstiefel durch den hohen Schnee. Sie zieht mit
Vergnügen ihren Holzschlitten hinter sich her, auf welchem ihre Puppe
Simba gut eingepackt, im kleinen rosa Schneeanzug und in einen Decke
gehüllt sitzt und mit aufgerissenen Augen den vielen Schnee bestaunt.
Simba muss mit, das ist klar, denn Simba ist immer dabei, ob Lienchen im
Sommer hier Baden geht oder im Winter mit Melanie Schlitten fahren will. Die
Puppe wird bei großer Freude geherzt und geküsst, selten aber auch
fallen Lienchens Tränen, wenn sie gar traurig ist, auf Simbas dunkle
Locken.
"Die Wasseroberfläche ist hart gefroren Simba. Mama hat
uns erlaubt über den See zugehen, dann sind wir ganz flugs bei Melanie."
Simba hört immer gut zu, sagt aber nichts dazu. Lienchen kennt das
schon, ist aber ganz fest davon überzeugt, dass Simba alles versteht. Die
beiden kommen am Ufer des Sees an. Einige große und auch kleinere Steine
schauen halb aus der Eisdecke heraus. " Guck' mal Simba, das sieht aus wie eine
Schildkrötenfamilie." Lienchen umfährt ganz geschickt die Steine,
damit der Schlitten nicht kippt, und macht sich auf den Weg über die
große Eisfläche.
Es fängt ganz sachte an zu schneien.
Voller Vorfreude auf Melanie setzt sie einen Fuß vor den
anderen. Zu den wenigen Schneeflöckchen die gerade eben noch so ganz
leicht durch die kalte Winterluft tanzten, gesellen sich leider noch viele
andere dazu. Die Sicht wird immer schlechter, das andere Ufer kaum noch zu
erkennen. Lienchen läuft tapfer weiter, immer gerade aus, denn
zurück will sie nicht mehr. Auch das Ufer mit der Schildkrötenfamilie
liegt hinter einem dicken Schneevorhang und ist kaum noch zu sehen.
Sie läuft und läuft. "Wir schaffen das schon, Simba.", beruhigt die
Puppenmutti ihr Kind, damit es sich keine Sorgen macht. Die beiden
versuchen angestrengt das andere Ufer zu erblicken und laufen in die Richtung,
von der sie annehmen, dass dort Melanie wohnt.
Doch dann muss Lienchen
stehenbleiben, sie schaut sich um. Weit und breit nichts mehr zu sehen,
außer Schnee, Schnee, Schnee . . . "Oh weia, Simba, was machen
wir denn nun, ich weiß gar nicht mehr in welche Richtung wir laufen
müssen." Sie setzt sich auf ihren Schlitten, nimmt das Püppchen fest
in den Arm und denkt rasch nach. Ihre Füße werden immer kälter,
auch die Fingerchen in den Fäustlingen sind schon ganz starr.
"Also hier sitzenbleiben können wir nicht, es ist viel zu kalt. Wir
müssen einfach laufen und laufen, und irgendwann werden wir schon irgendwo
am Ufer ankommen.", beruhigt sie wieder ihre Puppe. "Und wenn ich erst wieder
die Häuser sehe, weiß ich schon wohin ich laufen muss." Ganz
zuversichtlich steht sie wieder auf, nimmt das Schlittenseil und läuft
los. Sie läuft und läuft . . . und läuft. Ihre Beinchen
werden schon ganz schwer und Durst hat sie auch, doch das erzählt sie
Simba nicht. Sie hat kaum noch Gefühl in ihren Fingerchen und die
große Zehe in ihrem Stiefel ist auch schon ganz taub. Sie denkt an Mama,
die sich große Sorgen macht, weil Melanie bestimmt schon zu Hause
angerufen hat, um zu fragen ob sie denn nicht kommen will.
"Gerade
heute.", denkt Lienchen, "heute am Weihnachtstag wollte ich Mama nicht
verärgern" Tränen purzeln ihre Wangen hinunter, sie schluchzt .
. . ganz leise, damit Simba sich nicht ängstigt. Sie läuft immer
tapfer weiter. "Ist da nicht etwas zu sehen?" - "Ja, durch den dicken
Schneevorhang kann man ganz verschleiert große Tannenbäume sehen.
"Wir sind gleich am Ufer.", ruft Lienchen ganz laut, damit Simba sich
mitfreuen kann. Ihre Schritte werden wieder größer und schneller.
Endlich . . . am Ufer, geschafft.
Sie schaut sich um. Keine
Häuser zu sehen, nur Bäume.
Sie ist im Sommer mit Mama und
ihren Geschwistern schon mal um den ganzen See gelaufen, da musste man auch
durch einen Wald gehen und kam dann nach einer langen Zeit wieder zum
Ausgangspunkt zurück.
"Nun gut, Simba, da bleibt uns jetzt nichts
anderes übrig, als hier durch den Wald zu gehen, damit wir wieder an das
Ufer zurückfinden, an dem die Schildkrötenfamilie sitzt. Von dort
weiß ich ja, wo es wieder nach Hause geht. Mit Melanie werden wir dann
ein anderes Mal Schlittenfahren."
Kaum so gedacht, macht sich Lienchen
auch schon auf den Weg durch den Wald. Nach einer Weile kommt sie an eine
Wegkreuzung."Ich glaube, hier müssen wir links abbiegen.", sagt sie zu
Simba und läuft den neuen Weg weiter und weiter . . . als sie so ein gutes
Stück gegangen ist, kommt ihr auf einmal gar nichts mehr . . . bekannt
vor, alles schaut mit Schnee bedeckt so . . . fremd aus. Sie schaut sich
um, "nein, hier sind wir irgendwie falsch, Simba, wir müssen wieder
zurück an die Kreuzung." Mit müdem Arm zieht Lienchen ihre Simba auf
dem Schlitten hinter sich her, zurück zur Kreuzung. "Gut, dann
müssen wir wohl hier in den rechten Weg hineinlaufen." Aber auch der Weg
erscheint, mit soviel Schnee bedeckt, irgendwie nicht richtig. Ihr bleibt
nichts anderes übrig, sie läuft weiter und läuft und läuft.
Das starke Schneetreiben hat hinter ihr schon längst die
Stiefelspuren im Schnee verwischt.
Der Weg endet auf einmal und vor
ihr ist nur noch dichter Wald zu sehen. Lienchen bleibt stehen, dreht sich im
Kreis und ist ganz verzweifelt, ihre Beine fühlen sich so müde an und
es fängt schon langsam an zu dunkeln. Sie hat Angst. Hütet sich davor
das Püppchen anzuschauen, damit es nichts merkt. Laut sagt sie:"Komm
Simba, hier geht's nicht weiter, wir müssen wieder den Weg zurück.
Doch wo geht's denn hier wieder zurück?" Um sie herum nur Bäume
und von den Spuren im Schnee sind nur noch 5 Stück ganz leicht zu
erkennen, die anderen sind schon längst verweht.
Nun kann
Lienchen sich nicht mehr zurückhalten und vor Angst und Erschöpfung
setzt sie sich nieder auf ihren Schlitten, drückt ganz feste ihre Simba an
sich und weint auf die dunklen Puppenlocken.
"Was soll ich denn nur
machen?" hämmert es in ihrem Kopf, "wer kann mir denn nur helfen? Heute
ist Weihnachtstag und heute Abend soll Bescherung sein, es fängt schon an
und wird dunkel und ich sitze hier allein' im Wald."
Lienchen schaut
zum Himmel, faltet vor Simbas Bauch die Hände zum Gebet, und spricht:
"Liebes Christkind, ich habe solche Angst, wenn du schon auf dem Weg zu den
Kindern hier auf der Erde bist und mich siehst, kannst du mir bitte helfen? Ich
will auch gar kein Geschenk unter dem Baum, ich möchte nur wieder nach
Hause.
Aus der Ferne kann sie Hundegebell hören, sie schaut auf.
Eine kleine graubraunweiße Fellkugel kommt auf sie zugeschossen und
wuselt mit fröhlichem Gebell um ihre Beinchen. "Fiiienchen!" Kann man eine
helle Frauenstimme rufen hören, "Wo bist du?", und schon kann Lienchen die
Frau sehen, die ihren Hund sucht.
Eine großgewachsenen Gestalt
mit weißem Mantel und weißer Fellkappe kommt lächelnd auf
Lienchen zugelaufen und fragt sie ganz freundlich: "Bist du hier denn ganz
alleine?" - "Nein, nicht so ganz.", antwortet Lienchen, " Simba, mein
Puppenkind, ist noch bei mir." - "Ach du armes Kleines, so weit ab von den
Wegen, mitten im Wald, du hast dich anscheinend mächtig verlaufen."
"Komm mit mir, da hast du aber großes Glück gehabt, dass
Fienchen so eine neugierige Fellnase ist, sonst hättest du den
Weihnachtsabend im Wald verbringen müssen. Hast sicher auch Hunger". Sie
griff in die Tasche des großen, weißen Mantels und zog einen dick
mit Schokoglasur bezogenen Lebkuchen mit vielen Mandeln heraus, gab ihn
Lienchen, nahm das Kind an die Hand, und führte es hinaus aus dem Wald,
bis zu der Stelle an dem die Schildkrötenfamilie zu Hause war.
Lienchen fiel ein Stein vom Herzen, sie bedankte sich überschwänglich
und wünschte der großen weißen Dame noch einen fröhlichen
Heiligabend und meinte:"Sag' dem Christkind schönen Dank von mir!" Die
Dame schmunzelte nur, nahm den kleinen Wuselhund und verschwand wieder hinter
dem Vorhang aus Schnee.
Nach einer Weile konnte Lienchen in der Ferne
ihr Elternhaus sehen, ihren Bruder Manuel, sowie Andy und Mama, die ihr schon
alle entgegenliefen und sie aufgeregt aber doch sehr erleichtert in die Arme
nahmen.
"Melanie rief heute Mittag an, als du schon lange auf dem Weg
zu ihr warst, um zu fragen wann du denn endlich kommst," erzählte Mama.
"Da machten wir uns mächtig Sorgen." "Was hast du denn gemacht? Wo
warst du denn die ganze Zeit? Was ist denn nur passiert?", fragte Andy ganz
aufgeregt. "Wir haben dich schon überall gesucht."
Lienchen
schaute kurz hoch zum Himmel und sagte: "Ich wollte über den See, da fing
es an zu schneien, ich konnte Melanies Uferseite nicht mehr sehen, bin aber
weitergelaufen und kam ans Ufer wo der Wald ist. Dort kannte ich mich auch
nicht mehr aus und hab' mich im Wald verirrt. Dann hab' ich zum Christkind
gebetet und das hat mir dann sofort einen seiner Engel geschickt, der mich dann
wieder an die Stelle geführt hat, die ich schon kannte.
"Das hat
dir dann auch sofort einen Engel geschickt?", fragte ihr Bruder Manuel
ungläubig.
"Ja.", sagte Lienchen, "er sah aus wie eine ganz
normale Frau mit weißem Mantel und einer weißen Fellkappe, aber ich
. . . ich habe es sofort gespürt, . . ich habe gleich gewusst, diesen
Engel hat mir das Christkind geschickt."
Emilia
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